Chaos und Familie

Entifant13

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2 Januar 2026
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Hey ihr Lieben,
ich weiß nicht genau, was ich mit diesem Beitrag bezwecken möchte, aber ich merke, dass ich es einmal teilen muss – nur für mich aufzuschreiben reicht gerade nicht.

Vor etwa 8–9 Monaten bin ich von einem auf den anderen Tag in ein tiefes Loch gefallen. In den letzten zwei Monaten ging es langsam etwas bergauf, bis die Feiertage kamen.

Eigentlich war ich mein Leben lang zufrieden. Ich bin behütet aufgewachsen, hatte Freunde, war gesund. Nach dem Abi bin ich ausgezogen, habe viel erlebt, gearbeitet, bin fast jedes Jahr in eine neue Stadt gezogen. Ich war oft glücklich und sorgenlos – so habe ich mich selbst erlebt und so wurde es mir auch gespiegelt. Schwere Gefühle kamen nur selten und wurden schnell verdrängt. Dass ich aber schon lange mit Themen wie Nähe, Bleiben, SVV und einem sehr niedrigen Selbstwert kämpfe, wurde mir erst in den letzten 8 Monaten bewusst.

Zu Beginn dieser Zeit habe ich nach Jahren wieder angefangen zu daten und zunächst einen Zusammenhang gesehen. Ich führte vieles auf zwei sexuelle Übergriffe im Kindergarten zurück, an die ich seit meinem 17. Lebensjahr Erinnerungen habe. Dass es dort tatsächlich Übergriffe gab, hat sich inzwischen bestätigt. Da ich lange keine offensichtlichen Probleme hatte, habe ich mich früher nicht damit beschäftigt – erst jetzt, als alles ins Wanken geriet.

In diesen Monaten habe ich mich zum ersten Mal ehrlich mit mir auseinandergesetzt, reflektiert und begonnen, Dinge zu verstehen. Gleichzeitig merke ich, wie sehr ich noch am Anfang stehe. Ich bin inzwischen auch therapeutisch begleitet.

Der eigentliche Grund für diesen Text ist aber meine Familie. Während ich vieles auf die Erlebnisse im Kindergarten bezogen habe, habe ich meine Familie lange ausgeklammert. Ich liebe meine Eltern und meine zwei Geschwister. Meine Eltern haben ihr Bestes gegeben, sie lieben uns sehr, wir sind ruhig und ohne finanzielle Sorgen aufgewachsen.

Nach dem Abi bin ich sofort ausgezogen und wollte weg. Nach etwa sieben Umzügen lebe ich nun vier Stunden entfernt. Heute merke ich, dass jeder Besuch bei meinen Eltern extrem viel in mir auslöst – vor allem die Rückfahrt. Da ist eine massive Überforderung, viele Gefühle, aber nichts ist wirklich greifbar. Es zerreißt mich. Phasenweise will ich gar nichts von meinen Eltern wissen, sehne mich dann aber gleichzeitig sehr nach ihnen.

Gerade weil ich objektiv gut aufgewachsen bin, wundert mich, wie nah mir das alles geht. Mein Vater ist liebevoll und ruhig, unterstützt meine Mutter im Alltag aber kaum. Sie hat den Haushalt gemacht, uns großgezogen und war sehr aufopfernd – für uns Kinder und für meinen Vater. Ich glaube, sie war oft überfordert und sehr gestresst. Sie hat immer alles für uns getan, aber vermutlich aus einem eigenen geringen Selbstwert heraus. Wenn man sie etwas fragte (konnte die normalste Frage sein), konnte man entweder eine liebe Antwort bekommen oder angeschrien werden – sehr plötzlich, sehr heftig, und danach war es wieder vorbei. Entschuldigungen gab es nie. Emotionen hatten keinen Platz.
Ich glaube, daher kommt diese extreme Ambivalenz: Ich liebe meine Eltern und empfinde gleichzeitig zeitweise Wut oder sogar Verachtung. Das Negative habe ich lange nicht sehen können, weil in meinem Bild von ihnen kein Platz für Fehler war. Dass sie Menschen mit Licht und Schatten sind, passte 25 Jahre lang nicht zusammen – und genau das scheint mich innerlich zerrissen zu haben.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Grundsätzlich ändern kann ich nichts. Mich zu distanzieren würde meine Eltern sehr verletzen, gleichzeitig weiß ich gerade auch nicht, wie Nähe gehen soll. Mit ihnen darüber zu reden fühlt sich unmöglich an – ich weiß, wie viele Vorwürfe sie sich machen würden, und das halte ich kaum aus.

Vielleicht noch wichtig: In der Zeit mit starken Suizidgedanken im Sommer war es oft der Gedanke an meine Eltern, der mich gehalten hat. Zu wissen, dass es ihnen ohne mich sehr schlecht gehen würde. Umso schmerzhafter ist es jetzt, diese Seiten und Dynamiken zu erkennen. Das ist bisher die schwerste Erkenntnis für mich.

Über Silvester war ich bei meiner Tante und meinem Onkel und habe sie sehr negativ über meine Eltern, ihre Ehe und unsere Familie sprechen hören – dass meine Mutter alles trägt und mein Vater besserwisserisch ist. Es stimmt, und trotzdem hat es unglaublich wehgetan. Es hat mich traurig, wütend und hilflos gemacht.

Ich wünsche mir sehr eine Familie, in der geredet wird. Ja ich bekomme immer Rückhalt. Aber wirklich reden und kommunizieren findet nicht statt. Die Familie von meinen Onkel und meiner Tante musste durch vieles durch. Krankheiten… und das wünscht man niemanden und ich bin glücklich, dass bei mir alle gesund sind. Dennoch hat diese Familie ein andere miteinander. Ein offenes, meine Cousine wurde zu einer Selbstdenkenden und starken und unabhängigen Person erzogen. Wir eher zum unterordnen. Und ja das kann man sich nicht aussuchen und ich bin auch sehr dankbar in so einem guten Umfeld aufgewachsen zu sein, aber ich glaub diese Sehnsucht spielt eine Rolle.

Ich verstehe all das noch nicht richtig, aber ich musste es einmal aufschreiben. Ich begreife nicht, warum ich das alles erst jetzt sehe und warum mich dieses Thema so tief trifft. Diese Erkenntnis werden vermutlich die meisten Menschen machen… also wie war es bei euch?
 
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