Fortsetzung eines Corona-Tagebuchs

Michael89

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Sonntag, 12.12.2021

Letztes Jahr um diese Zeit gab es an meiner Uni noch ein Corona-Forum, das aber dann im Februar 2021 eingestellt wurde. Ich habe dort auch regelmäßig reingeschrieben, vor allem weil es anonym war und ich einfach mal so erzählen konnte, ohne darauf achten zu müssen, was jetzt zu privat zum teilen ist und was unwichtig oder uncool ist. Jetzt also hier mal eine Fortsetzung.

Im Herbst 2019, das war noch vor Corona, brauchte ich damals für die Uni ein Attest vom Psychiater. Es ging mir auch schon länger nicht gut. Vor allem hatte ich sehr starke Angst vor dem Professor, bei dem ich meine Abschlussarbeit schreiben wollte. Ich hatte also die ersten Untersuchungen beim Psychiater, der dann eine Angststörung und Persönlichkeitsakzentuierungen diagnostiziert hat. Gegen die Angststörung wurden mir Antidepressiva verschrieben, die wir nach einiger Zeit steigern mussten. So bin ich momentan noch bei täglich 75 mg Anafranil, was schon eine ordentliche Dosis Antidepressiva ist. Zusätzlich dazu wurde mir zu einer Psychotherapie geraten. So ca. vor zwei Jahren hatte ich meine ersten Sitzungen. Ich bin auch regelmäßig zu den Sitzungen gegangen und ich bin auch immer gerne zu den Sitzungen gegangen. Ich habe jetzt 77 Sitzungen hinter mir und wir haben geplant 85 Sitzungen zu machen, das ist ja auch nicht gerade wenig. Letztendlich mit dem Ziel, dass ich mein Studium abschließen konnte. Damit bin ich jetzt dann auch fertig und ein neuer Lebensabschnitt steht an. Zur Zeit sammle ich mich etwas, überlege was ich zurück lasse, was ich mitnehmen soll. Es ist momentan schon eine wirklich sau blöde Zeit mit Corona.
 
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Michael89

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Sitzung 78 (Dienstag, 14.12.2021)

  • Die Psychologin hat gefragt, wie es mir so geht. Ich hab gesagt, dass ich es gerade nicht so weiß, aber dass es mir eher gut geht
  • habe erzählt, dass das Thema der letzten Sitzung noch stark in mir resoniert hat (Affäre oder Beziehung); habe dann gesagt, dass ich die Beziehung eh nicht kontrollieren kann, dass es eben kommt, wie es kommen muss
  • Ich habe gesagt, dass wir langsam an’s Ende der Therapie kommen und dass ich Angst habe, dass wenn die Therapie vorbei ist, dass es mir dann wieder schlechter geht
  • Die Psychologin meinte, dass wir noch ein paar Sitzungen hätten und man zur Not auch auf Selbstzahlungsbasis z. B. eine Sitzung im Monat weiter machen könnte
  • habe jetzt ca. einen Monat Bewerbungsphase hinter mir: Bewerbungsphasen dauern oft länger, soll mir mehr Zeit eingestehen
  • Habe erzählt, dass ich jetzt mit den Jobbörsen konkretere Jobs finde, dass man da sie Suchmaschine mit entsprechenden Begriffen füttern muss
  • habe erzählt, dass mir aufgefallen ist, dass der Berufsbereich mit dem Beziehungsbereich immer noch zusammenfallen würde (wenn es im Beruflichen nicht läuft z. B. bei den Bewerbungen, dann wirkt sich das auch negativ auf die Beziehung aus)
  • irgendwann musste ich während der Sitzung zu Weinen anfangen
  • habe erzählt, dass ich von einer Personalvermittlungsagentur angerufen wurde und dabei gefragt wurde, ob ich bereits wäre zu pendeln oder umzuziehen; habe gesagt, dass sich das bei mir geändert habe, dass ich jetzt nicht mehr ortsgebunden sei
  • Die Psychologin meinte, dass das meine Chancen, einen Job zu finden, deutlich vergrößern würde, dass der heutige Arbeitsmarkt eine größere Flexibilität verlangen würde
  • habe gesagt, dass ich nach meiner Schulzeit fest davon ausgegangen sei, dass ich ihm Musikbereich arbeiten würde
  • Die Psychologin hat gefragt, ob ich noch für mich Gitarre spielen würde; ich habe gesagt, dass es mir keinen Spaß mehr machen würde
  • habe erzählt, dass ich von der Agentur für Arbeit Bewerbungsaufforderungen bekommen habe: Die Psychologin meinte, dass sie das interessant finde
  • Die Psychologin meinte, dass es auch in eher ländlichen Regionen Jobs gebe, die aufgrund ihrer Ländlichkeit nicht so attraktiv sind, dass man z. B. auch unter der Woche in einem ein Zimmer Appartement wohnen könnte und dann am Wochenende woanders zusammen mit seinem Partner leben könnte
  • Die Psychologin meinte, dass das gut sei, dass ich am Vormittag nach Stellen suchen würde
  • Die Psychologin meinte, dass sich bandtechnisch bei mir wieder etwas ergeben könnte
  • am Schluss habe ich gesagt, dass ich glaube, dass Psychotherapie das ist: man hört mit den schönen Sachen auf und lernt dann damit umzugehen
  • Die Psychologin meinte, dass ich gut für sorgen solle, dass ich Sachen machen solle, die mir gut tun; ich erzähle vom Punschtrinken (coronakonform draußen), das eine Bekannte organisiert
 

Michael89

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Wenn ich an die letzten Jahre an die Woche vor Weihnachten zurückdenke, da muss ich immer an zwei Sachen denken, die ich jedes Jahr in meinem Terminkalender fest eingeplant hatte:
Das ist zum einen eine Projektband, die sich jährlich in der Woche vor Weihnachten vereinigt, um im Jugendzentrum der Stadt am 25.12. jährlich ein Konzert zu geben mit den Lieblingssongs der Mitglieder. Aber dieses und schon letztes Jahr auch nicht.
Das Reizvolle an diesen Spaßkonzerten war nicht die Perfektion der Darbietungen, sondern eher das Warten der Zuhörer auf die ersten Patzer und Verspieler, sowie der Zwischenrufe („fangt’s endlich an!“), da das Publikum auch jährlich und treu aus dem anfeuernden Freundeskreis der Mitspieler bestand.
Die Tradition dieser Konzerte führt zurück bis in die 1990er, natürlich mit einer sich ändernden Zusammensetzung der Mitspieler über die Jahre hinweg, was natürlich auch immer reizend war, weil man immer gar nicht wusste, mit wem man denn im nächsten Jahr wieder zusammenspielen würde.
Zusammengehalten wird die Truppe immer von unserem wahrhaften „Musical Director“ (einer von den musikalischten Menschen, die ich kenne), der auch immer durch seinen unendlichen Humor die Band aus den tiefsten Stimmungstiefpunkten herausholen konnte, meistens, indem er die Interpreten, mit denen wir uns in dieser Probephase beschäftigten, kräftig durch den Kakao zog. Ganz abgesehen davon, dass die Mitglieder gar nicht mehr so jugendlich sind („Jugendzentrum“), sondern meistens das 30. Lebensjahr schon überschritten haben. In den ersten Jahren, wo ich mitgespielt habe, hatten wir auch noch freien Zugang zum Getränkekeller und unsere Getränke wurden dann mit den Konzerteinnahmen anhand einer Strichliste verrechnet, wobei die Strichliste für’s Bier meistens mehrzeilig war. Und so kam es auch dazu, dass irgendwann mal diese Liste verschwunden war und die Freunde der Freunde und sonstige Freibierlätschen sich des Biervorrates bedienten, was zur Folge hatte, dass bei dem Konzert am 25.12. einmal das Bier ausgegangen ist. Letztes Jahr hatten wir nur einen stark kontingentierten Getränkevorrat, wodurch sich auch auf einmal nicht mehr so viel Volk im Probekeller tummelte.
Mein erstes Konzert war 2014 und ich erinnere mich an die letzten Jahre, in denen ich in der Woche vor Weihnachten dadurch auch immer etwas k.o. war von den langen Probenabenden. Der einzige Abend, an dem nicht geprobt wurde, war der 24.12.
Dabei gibt es auch zwei wichtige Regeln: ein Song darf niemals zwei Mal gespielt werden und die Probenwoche darf frühestens eine Woche vor Weihnachten beginnen.
Das alles kann dieses Jahr wegen Corona auch wieder nicht stattfinden. Ebenso auch nicht das jährliche Klassentreffen am 23.12. auf dem benachbarten Christkindlmarkt, der sich in unmittelbarer Nähe zum Jugendzentrum befindet, zu dem ich auch fast jedes Jahr vor Probenbeginn einen Abstecher gemacht habe, um mit meinen ehemaligen Mitschülern über das zu plaudern, was sich das Jahr über so ereignet hat.
Auch führte mich mein Nachhauseweg mit dem Fahrrad von den Proben immer am bereits geschlossenen, aber noch beleuchteten Christkindlmarkt vorbei, was nachts zwischen ein und zwei Uhr immer eine geheimnisvolle Atmosphäre hat.
 

Michael89

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Mittwoch, 29.12.2021

Weihnachten war eigentlich ganz schön. Meine Freundin ist erst am 23.12. zurückgekommen. Am 24.12. gab es dann Abendessen und anschließende Bescherung mit meiner Freundin und deren Eltern. Am 25.12. gab es bei der Oma von meiner Freundin noch eine Weihnachtsgans. Kurze Aufregung gab es, als ich mit halbvollem Mund sagte, dass die Gans schön zart sei und sich das mit halbvollem Mund so anhörte wie, „dass sie ganz schön zaach (bayerisch für zäh) sei“. Aber das Missverständnis war schnell aufgeklärt.

Heute Vormittag hatte ich ein Zoom-Meeting mit jemandem, der mich in meinen neuen 450 € Job einarbeitet. Wir haben das besprochen und uns angeschaut, was dieser mir letztes Mal gezeigt hatte, was ich mal selber ausprobieren sollte. Es ging darum Artikel von einem Magazin für eine App abrufbar zu machen. Das hat eher mal nicht geklappt, es gab viel zum Nachbessern, das hat mich sehr frustriert. Es wurden mir heute auch wieder viele andere Sachen dabei gezeigt, was es alles zu beachten gibt usw. Irgendwann hab ich mich total überfordert gefühlt und ich zweifle daran, ob mir das wirklich gut tut.

Ende 2019, noch kurz vor Corona, hatte ich mich entschlossen mein Studium noch fertig durchzuziehen. Es ging damals nur noch darum zwei Kurse zu bestehen. Hätte ich damals gewusst, dass ich nach zwei Jahren Psychotherapie das Studium immer noch nicht abschließen konnte, dann hätte ich das nicht gemacht. Im Nachhinein betrachte ich das als falsche Entscheidung, zwar gut gemeint, aber ich hätte doch auf mein Bauchgefühl hören sollen und da das Studium endgültig abbrechen sollen, v. a. weil ich nicht sehe, dass es mich wirklich beruflich weiterbringt. Nach zwei Jahren Psychotherapie muss es mir besser gehen, ich bin wirklich sehr unzufrieden. Weil dafür ist das zu teuer, ich sehe auch die Rechnungen regelmäßig, weil ich privat krankenversichert bin. Eine Therapie, an deren Ende mir mein größtes Hobby, das Gitarrespielen, keinen Spaß mehr macht, nach der ich immer noch mit meiner Freundin zusammen bin, mit der man auch gar nichts diskutieren kann, weil sie dann immer gleich gekränkt ist. Ach, momentan ist einfach alles blöd.
 

Spätzin

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Hallo Michael,
Dein gestriger Tagebucheintrag zeigt doch ganz deutlich auf dass Du etwas in Deinem Leben verändern mußt.

Mir ging es in diesem Jahr auch so ... und ich habe mich von meinem langjährigen Partner in aller Freundschaft getrennt und lebe wieder allein.
Es war ein Glücksgefühl diese Entscheidung für mich getroffen zu haben!
 

Michael89

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Sonntag, 02.01.2022

Ort: Frankfurt/Main

Meine Freundin und ich sind am Donnerstag Nachmittag (30.12.2021) nach Frankfurt/Main gefahren. Meine Freundin hat dort im Stadtteil Bornheim eine Wohnung seit ca. 6 Jahren, da sie damals bei einer Frankfurter Zeitschrift zu arbeiten begonnen hatte. Vor ca. 5 Jahren habe ich sie in meiner Heimatstadt in Niederbayern kennengelernt. Es war der 25.12.2016. Sie ist damals kurz vor Silvester nach Frankfurt gefahren. An Silvester 2016/2017 kam ich in meiner Heimatstadt in der Früh von einer Party heim und ich hab spaßeshalber im Internet nachgeschaut, was eine Zugfahrt nach Frankfurt kosten würde. Da wurde mir gleich ein Super-Sparpreis von der Bahn angeboten. Ich habe 10 Minuten meine wichtigsten Sachen zusammengepackt und mich gleich zum Bahnhof auf den Weg gemacht und habe damals meine Freundin gleich mal spontan besucht. Sie war sehr überrascht, hat sich aber auch sehr über den spontanen Besuch gefreut. Seit dieser Zeit bin ich fast vierteljährlich in Frankfurt. Immer wenn ich dort bin, geht es mir um so vieles besser. So wie auch jetzt. Es geht mir gut. Weg von zuhause, weg von der Vergangenheit, weg von den verpassten Chancen.
 
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Michael89

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Montag, 17.01.2022

Letzten Montag Abend (10.01.2022) bin ich mit dem Zug von Frankfurt/Main nach Hause gefahren. In meiner Heimatstadt angekommen, es war kurz nach Mitternacht, habe ich noch einen Bus in die Stadt erwischt; von dort aus war es zu Fuß nur noch halb so weit nach Hause. Am nächsten Tag, es war Dienstag, hatte ich wieder einen Psychotherapietermin in einer eine Autostunde entfernten anderen Stadt. Danach war ich verärgert. Immer wenn ich momentan über die Jobsuche rede, bin ich danach sehr verärgert. Ich komme dabei mit diesen vielen Unbekannten nicht klar: wo werde ich arbeiten, was werde ich arbeiten, wann werde ich einen Job finden…

Am Mittwoch habe ich noch versucht ganz dringend einen Dozenten von der Uni zu erreichen, es ging um meine letzte Uni-Note, die noch ausstand. Da er nicht auf meine E-Mails antwortete, versuchte ich ihn auch telefonisch zu erreichen, aber auch vergebens. Wenigstens die Sekretärin ging ans Telefon und diese konnte mir wenigstens sagen, dass der Dozent nicht krankgeschrieben sei.

Am Nachmittag sah ich die E-Mail, dass mir die Note im Prüfungssystem eingetragen wurde. Äußerst gespannt loggte ich mich ins Prüfungssystem der Uni ein und sah, dass ich den kritischen Kurs bestanden hatte und ich somit mein Studium endlich abschließen konnte.

Für den Abend war in einem Dorf in der Nähe von München ein abendliches Feuer im Garten geplant. Eine Bekannte wollte ihren neuen großen „Garten-Ofen“ vorführen, so eine Art Kübel-Dose, in der man Feuer machen kann. Die erste „Dose“, die meine Bekannte beschafft hatte, war wesentlich kleiner und bei einer abendlichen Feuerrunde vor Weihnachten einem gemeinsamen Bekannten viel zu klein, der bei der abendlichen Feuerrunde vor Weihnachten frierend und meckernd davonzog; ihm war das Feuer viel zu klein. Am Nachmittag schrieb ich noch meiner Bekannten, dass es am Abend im Januar draußen doch ziemlich kalt werden würde und dass der Abend vor Weihnachten dagegen ein Kindergeburtstag war. Aber meine Bekannte wollte den Abend unbedingt feiern, vor allem, weil ich ja jetzt mein Studium fertig hatte. Also zog ich mich zweischichtig sehr warm an und fuhr in das Dorf vor München. Obwohl ich doch so warm angezogen war, fror es mich am Feuer.

Am Donnerstag fuhr ich in die Uni. Ich hatte kurzfristig einen Termin beim Psychologen der Studienberatung bekommen. Ich war sehr froh, dass ich ihm von meinem Studienabschluss berichten konnte, schließlich war ich seit Sommersemester 2013 ein regelmäßiger Gast in der Studienberatung. Dieser freute sich auch sehr mich zu sehen. Ich erzählte in einer guten Stunde, was sich seit meinem letzten Besuch im Winter 2019 ereignet hatte. Damals musste ich für mich eine Therapie organisieren und ich bekam dabei von der Studienberatung Hilfe.

Am Freitag hatte ich meinen 33. Geburtstag. Meine Freundin hatte mir Kuchen gebacken. Meine Freundin ist extra aus Frankfurt zu mir gefahren und spät in der Nacht zum Freitag bei mir angekommen. Mein Geburtstag war leicht eingetrübt durch einen Schnupfen, den ich mir wohl noch in Frankfurt eingefangen hatte und der sich allmählich einschlich. Ich hätte am Freitag auch meine Gitarrenschüler unterrichten müssen, aber ich entschied mich lieber abzusagen, da man nicht ausschließen konnte, dass mein Schnupfen irgendwas mit der Omikron-Corona-Variante zu tun haben könnte.
 
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