Liebe Abendsonne!
Was meint eigentlich Deine Tochter dazu?
Ich hab damals meine Tochter in die Entscheidung involviert - es stand ihr selbst frei zu entscheiden, ob sie diesen Schulwechsel machen möchte oder nicht. Klar ist dabei die Gefahr, dass sie sich überfordert fühlt, aber ohne ihr Einverständnis und ihrem Dahinter-Stehen wäre es unmenschlich gewesen.
Und im Gespräch kommt da meiner Meinung nach auch sehr gut raus, ob sie das selbst gerne möchte oder lieber da "durch" will.
Wenn Du ihr einen Schulwechsel als Möglichkeit in Aussicht stellst, dann hat sie zumindest nicht mehr das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken, denn sie HÄTTE ja eine Option. Vielleicht macht es allein das schon leichter für sie, weil die Auswegslosigkeit (und Kinder in diese Alter sehen sehr schnell keinen Ausweg mehr) wegfällt.
Sie hätte dann die Möglichkeit im Hinterkopf, allen den Rücken zu kehren und neu zu beginnen. Und Dein Exmann hat sicher recht mit der Überlegung, dass es in einer neuen Schule genauso sein kann.
Es gibt immer wieder Fälle, wo man das Problem quasi mitzieht. Genau diese Überlegung hatte mich bei meiner Tochter auch so lange zusehen lassen, weil ich immer der Meinung war, Probleme gehören im Hier und im Jetzt gelöst, läuft man davon, so kommen sie in der neuen Umgebung wieder, weil sie ja ungelöst sind.
Dieser Gedankenansatz ist für mich per se richtig, nur: sie ist ein Kind und damit wahrscheinlich nicht in der Lage, dieses Problem alleine zu lösen. Bei mir wars völlig verkehrt, ich hatte das übersehen, meine Tochter als zu erwachsen eingeschätzt. Sie konnte das nicht tragen.
Und ich konnte ihr nicht effektiv helfen, die Zeit lief uns davon, die Noten wurden immer schlechter, ihr psychischer Zustand auch. Irgendwas musste getan werden - ich hab mir damals die Nächte rumgeschlagen mit Überlegungen, wie wir da alle durchkommen. Und - wie ich zu meiner Schande gestehen muss - auch mit Schönreden. Und es kostete Zeit.
Könnte ich es rückgängig machen oder die Situation wiederholen, würde ich schneller handeln und es nicht nocheinmal laufen lassen, in der Hoffnung, dass es eh irgendwie gelöst wird.
Wenn ich daran denke, wie erleichtert meine Tochter reagiert hatte, als die Beraterin vom JA den Schul- und Ortswechsel vorgeschlagen hat, stehen mir heute noch die Tränen in den Augen. Weil ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich gewusst hatte, wie schrecklich es für sie gewesen sein muss. Sie war nämlich bzw. ist nämlich definitiv nicht der Typ, der Beziehungen aufgibt, sie hängt sehr an allem, was ihr Umfeld ausmacht. Und trotzdem war sie sofort bereit, das alles aufzugeben.
Darum wäre es in meinen Augen auch wichtig, Deine Tochter selbst zu befragen, ob ein Schulwechsel für sie eine Möglichkeit wäre. Auch als Entscheidungshilfe für Euch als Eltern.
Und das mit dem Sitzenbleiben - vergiss es. Es ist wirklich, wirklich völlig wurscht. Die Leute, die reden, reden sowieso.
Ich möcht gar nicht wissen, was die "Leute" über mich/über uns alles gelästert haben. Sollen sie. Mein Kind war wichtiger.
Bei uns stand sogar mal die Polizei vor der Türe, weil meine Tochter, als der Druck zu groß wurde, einfach ausgebüchst war und ich sie überall gesucht hatte. Das war übrigens dann der Augenöffner für mich, wie dramatisch das ganze wirklich war und der Auslöser für mich, das JA aufzusuchen.
Du siehst also, alle Menschen kochen nur mit Wasser. Die Bilderbuchfamilien gibts nicht - nur Familien, die nicht drüber reden.
Und wir haben das auch überstanden und heute ist sie in der Maturaklasse und von den Schwierigkeiten damals Gottseidank weit entfernt.
Mobbing oder Ausgrenzung in der Schule können ein Riesenproblem sein. Du kannst als Elternteil Dein Bestes geben und trotzdem unsagbar scheitern. Frag mich nicht, wieviele Nächte ich in der Zeit heulend verbracht hatte, weil ich dachte, alles läuft den Bach runter, ich krieg das nicht mehr gebacken und ich hab völlig versagt als Mutter. Der Freundeskreis (oder in dem Fall Nicht-Freundeskreis) der Kinder kann über wahnsinnig viel entscheiden, nimmt Einfluss auf Dein Kind - da bist Du teilweise völlig machtlos.
Das Jugendamt hat mir damals wirklich geholfen. Erstens durch die Gespräche mit meiner Tochter und mir, wo vieles geklärt werden konnte. Zweitens haben sie mich darüber aufgeklärt, dass die Kasse die Kosten teilweise übernimmt für eine therapeutische Begleitung meiner Tochter bei einer Psychologin, um diese Mobbinggeschichten gut aufzuarbeiten.
Haben wir dann auch gemacht - ich wollte alles tun, dass das wieder ins Lot kommt. Meine Tochter meint zwar heute, dass das damals nicht nötig gewesen wäre, der Schulwechsel alleine war die Lösung - aber heute sieht sie das aus einer stabilen Position heraus, die sie damals nicht hatte.
Liebe Abendsonne, wenn ich Dir da jetzt ein Szenario geboten habe, dann wollte ich Dich nicht damit erschrecken. Es muss bei Euch nicht so kommen, wie es damals bei uns gelaufen ist. Aber es KANN. Und ich denke, es ist nie zu früh, sich darüber Gedanken zu machen.
Liebe Grüße
Reinfriede